Das Kind schuldet den Eltern Gehorsam.

"Wenn meine Mutter alt und nicht mehr klar im Kopf ist, poste ich ein Bild von ihr – natürlich in vollen Windeln."

Dieser Titel könnte aus einem Filmzitat, das sich im tiefsten Mittelalter befinden würde, stammen. Doch dies ist nicht der Fall, dieser Auszug ist der Art. 301, Abs. 2, aus dem Schweizer Zivilgesetzbuch, kurz ZGB (Stand, 1. Januar 2019).

Die meisten von uns schauen mit regelrechter Abscheu auf die Amerikaner und ihren Kinder-Miss-Wahlen. Gehorsam bekommt hier eine ganz neue Definition. Das Kind, welches sich in der Findungsphase befindet, wird in enge Kleider gezwängt und mit Tonnen von Make-up zugekleistert. Unter den rivalisierenden Kreisen befindet sich eine regelrechte Aufmerksamkeitsgier. Machen können die Kinder wenig, denn wenn die Eltern einmal was entschieden haben, dann bleibt dies auch so – und das bitte auch mit Freude und einem lächeln!

«Aber das ist ja nur in Amerika so, hier in der Schweiz machen wir so was nicht», sagten uns einige Passanten bei unserer Umfrage. Doch die Aufmerksamkeitsgier ist längst schon in Europa, sogar in der Schweiz angekommen.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer postet das schönste Kind im Ganzen Social Media Land?

Jeder kennt eine Person, die ein regelrechtes Tagebuch seiner Kinder auf den sozialen Netzwerken verbreitet. Unter süssen Bildern sind auch eher peinliche vorhanden. So peinlich, dass man in ein paar Jahren sogar von einem fremden Menschen darauf angesprochen wird. Nina K.*, hat genau sowas erlebt «Meine Mutter lud auf das MSN Messenger Profilbild, immer das neuste und süsseste Bild mit mir hoch. Eines Tages wurde ich von einem wildfremden Mann angesprochen – wildfremd für mich, meine Mutter kannte diese Person. Er sprach mit mir darüber, wie gewachsen ich doch bin und wie er dieses eine Foto mit dem komischen Make-up lustig fand.» Die heute 16-Jährige war dazumal mit Freunden unterwegs und wollte am liebsten im Erdboden versinken.

Als Nina dieses Erlebnis ihrer Mutter erzählte, begriff die Mutter zum ersten Mal, was sie da eigentlich getan hatte. «Ich bin froh, gab es damals noch kein Facebook, ich hätte bestimmt viele Fotos hochgeladen» resümiert sie wehmütig.

Milde ausgedrückt herrscht zurzeit ein Paradoxon, denn viele wollen mehr Datensicherheit und sind empört, wenn die privaten Kinderbilder auf einem Server im Nirgendwo laden, obwohl die eigenen Eltern diese vorher hochgeladen und anfänglich sogar diesen Zustimmungen ohne durchlesen einfach «Akzeptiert» haben. Abgesehen von den vielen anderen Fällen, ist der Serverstandort noch das kleinste Problem.

Nina K., drückt es so aus «Es heisst immer, das wir Jugendlichen nicht mit dem Internet umgehen können, dabei sind die Eltern noch viel schlimmer.» Niemand weiss, in welche Richtung sich das Internet in den nächsten Jahren bewegen wird. Sicher jedoch ist, dass ein Kind nicht versteht, was Mama und Papa im Internet hochladen, obwohl es die gleichen Rechte wie die Eltern hat – mit dem kleinen Unterschied, dass es Gehorsam sein muss.

Die 16-Jährige hat aber den «ultimativen Rachefeldzug», so sagt sie, denn «Wenn meine Mutter alt und nicht mehr klar im Kopf ist, poste ich ein Bild von ihr – natürlich in vollen Windeln.»

*Name wurde von der Redaktion geändert