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Helvetias administrative Versorgung.

Ein Stück Schande: Zwangskastration und Kindersklaven - Die Schweiz in den 60ern und 70ern.

Wer sich einen Film, in dem die Schweiz die Hauptrolle spielt, anschaut, dem erwarten saftige Wiesen, ein klarer blauer Himmel sowie lachende und tanzende Kinder. Weit entfernt von denen zwei Wörtern, die Schande über das Land, die damalige Regierung und Vereinen gebracht haben: „Administrativ versorgt.“

Bis in die knappe 80er Jahren erlebten viele Kinder in der Schweiz ein Trauma. Von den Behörden weggenommen und in einem Verdingmarkt – wie Vieh – versteigert. Spitzenreiter war der Kanton Bern (nach Schätzungen zufolge). Viele solcher Kinder wurden in die Obhut von Bauern gestellt. Sie wurden geschlagen, sie litten an Hunger, Heimweh und mussten harte Zwangsarbeit leisten. Dabei haben diese Kinder nichts getan. Sie wurden zum Opfer aufgrund der Lebenslage der Eltern oder der Eugenik. Gesellschaftlich waren diese Verdingkinder an letzter Stelle.

Ein Beispiel: Witwen, die kein Geld mehr hatten die Kinder zu ernähren, mussten ihre Kinder auf den Verdingmarkt bringen und erhielten danach auch noch Geld. Geld, das diese Mütter gebraucht haben, um ihre jüngeren Kinder zu versorgen.

Junge Mädchen wurden oft vergewaltigt, körperlich gezüchtet und mussten die genau gleichen Zwangsarbeiten vollbringen wie die zum Teil älteren Knaben. Obwohl die Verdingkinder in die Schule gegangen sind, legte man keinen Wert auf Bildung. Zu Hause angekommen gab es keine Zeit für Hausaufgaben. Am Sonntag wurden sogar einige für den ganzen Tag in den Keller eingesperrt, damit der Bauer seine Ruhe hatte. Die Verdingung dauerte vermutlich bis in die 1970/80er Jahre, jedoch weiss niemand genau, wie viele Kinder denn tatsächlich administrativ versorgt wurden.

Grundlage für eine Verdingung war auch die Eugenik. Die Lehre der Eugenik besagt, dass wenn die Eltern schon schädlich waren, die Kinder zwangsläufig auch schädlich sein müssen. Dabei war «schädlich» für heutige Verhältnisse – lächerlich. Der bis heute bekannteste Fall eines regelrechten Eugenik Wahns, ist die Geschichte einer St. Gallerin.

Aufgewachsen in einer Pflegefamilie und von der Mutter weggenommen, lebte sie mehrheitlich weggesperrt. Mit 18 Jahren wurde sie ungewollt schwanger. Der Besuch beim Hausarzt löste eine Kette von unglaublichem Leid aus. Plötzlich wurde sie als geistesgestört abgestempelt. Der Arzt hielt fest, dass sie einen Hirnschaden hat und das Kind im Bauch auch mit einem Hirnschaden auf die Welt kommen würde. Behauptungen aus der Lehre der Eugenik.

Was nun auf die damals 18-jährige St. Gallerin zukommt, ist aus heutiger Sicht ein Albtraum. Nachdem der Vormund, der Pfarrer und die Pflegeeltern den Segen dazugegeben haben, wurde bei der jungen Frau die Schwangerschaft abgebrochen und die Eileiter durchtrennt. Seither ist sie unfruchtbar. Dieses Schicksal ereignete sich nicht im tiefsten Mittelalter oder irgendwann zwischen 1800 und 1899, sondern im Jahr 1972 und war kein Einzelfall.

Dieser Artikel zeigt nur einen kleinen Ausschnitt in die vergangene Schweiz. Das Thema Eugenik und Verdingung ist komplex und hat eine unglaubliche Tragweite. Jedoch sollte man sich immer daran erinnern, wenn uns jemand sagen möchte: «Früher war alles besser.»